MED in Mainz

Herzinsuffizienz

01.02.2017

Herzinsuffizienz

von Dr. med. Alexander Hauber, Cardiopraxis in der MED

Was tun, wenn der Motor schwächer wird?

Herzschwäche – oder auch Herzinsuffizienz, wie der medizinische Fachausdruck lautet - ist eine sehr häufige Erkrankung vor allem des älteren Menschen. Sie betrifft 5% der 65-75-jährigen und 20% der über 80-jährigen. Herzinsuffizienz führt vor allem bei unzureichender Behandlung oft zu großen gesundheitlichen Problemen und ist der häufigste Grund für Krankenhausaufenthalte in Deutschland.

Obwohl so viele Menschen von dieser Krankheit betroffen sind und von einer Therapie sehr profitieren würden, weiß ein großer Teil der Bevölkerung nicht, was eine Herzinsuffizienz ist. Eine Aufklärung ist wichtig und notwendig, daher habe ich am Tag der offenen Tür einen Vortrag über dieses Thema gehalten. In dem hier vorliegenden Artikel können Sie die wesentlichen Inhalte nachlesen.

Was ist los mit Frau Keller?

Frau Keller geht es nicht gut. Sie muss schon bei geringer Belastung schnaufen wie ein Walross. Auf der Treppe zu ihrer Wohnung im zweiten Stock muss sie drei Mal stehen bleiben, weil sie außer Atem ist. Seit einigen Tagen sind die Unterschenkel angeschwollen und sie kommt kaum noch in ihre Schuhe. Obwohl sie wenig Appetit hat und nicht viel isst, hat sie 5 kg an Gewicht zugenommen.

Nachts schläft sie schlecht, weil sie nicht gut Luft bekommt und mehrfach zur Toilette muss. Sie war deswegen beim Hausarzt. Der hat sie unter dem Verdacht auf eine Herzinsuffizienz sofort in die CardioPraxis überwiesen. Heute habe ich sie untersucht und tatsächlich festgestellt, dass Frau Keller an einem schwachen Herzen, einer Herzinsuffizienz leidet. Jetzt hat sie viele Fragen, die ich ihr beantworte.

Was ist das überhaupt, eine Herzinsuffizienz?
Bei der Herzinsuffizienz schafft es das Herz nicht mehr, genügend Blut in den Körper zu pumpen. Die Zellen der Organe und Muskeln erhalten dadurch nicht genug des im Blut enthaltenen Sauerstoffs. Es fehlt damit der Kraftstoff, den die Zellen für ihre Arbeit benötigen. Zu Beginn der Erkrankung ist die Versorgung nur bei starker körperlicher Belastung nicht ausreichend, wenn besonders viel Blut und Sauerstoff in den Muskelzellen benötigt werden. Bei unbehandeltem Fortschreiten der Herzinsuffizienz tritt der Sauerstoffmangel in den Zellen auch schon bei leichter Belastung und schließlich in Ruhe auf.

Was sind die Ursachen einer Herzinsuffizienz?

Eine Herzinsuffizienz kann als Folge von verschiedenen Herzkrankheiten auftreten. Man unterscheidet eine Versteifung des Herzmuskels mit verminderter Befüllung (diastolische Herzinsuffizienz) von einer Verschlechterung der Pumpfunktion mit reduzierter Auswurfleistung (systolische Herzinsuffizienz). Beides führt dazu, dass zu wenig Blut in den Kreislauf gelangt.

Eine Verminderung der Pumpfunktion kann durch eine Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße (koronare Herzerkrankung, Herzinfarkt), Herzmuskelentzündungen (Myokarditis) oder andere Erkrankungen des Herzmuskels (Kardiomyopathie) verursacht werden. Der Schweregrad der Pumpfunktionsstörung wird mit der sogenannten Ejektionsfraktion (EF) gemessen. Das ist der Anteil des Blutvolumens, den die linke Herz-Hauptkammer mit einem Schlag auswerfen kann. Normal sind für die EF Werte über 55% (das wäre der Fall, wenn von 100 ml Blut mit einem Schlag 55 ml ausgeworfen werden können). Wenn die Pumpfunktion eingeschränkt ist, kann die Herzkammer nur einen geringeren Anteil auswerfen und die EF sinkt unter 55% ab. Bei einer EF unter 30% spricht man von einer schweren Schädigung der Pumpfunktion.

Eine Versteifung der Herzkammer mit reduzierter Befüllung tritt vor allem dann auf, wenn der Herzmuskel aufgrund eines langjährigen
Bluthochdrucks dicker und weniger elastisch wird.

Woran bemerkt man eine Herzinsuffizienz?

Der Sauerstoffmangel in den Zellen äußert sich als Luftnot, die mit zunehmendem Fortschreiten bei immer geringerer Belastung auftritt. Man fühlt sich schlapp, müde und abgeschlagen, weil die Muskeln keinen Brennstoff haben. Im Gehirn führt der Sauerstoffmangel zu Schwindel, Benommenheit und Konzentrationsstörungen. Darüber hinaus kommt es vor dem schwachen Herzen zum Blutstau und dadurch zur Flüssigkeitseinlagerung und Schwellung der Beine und Füße (Ödeme). Aufgrund der Einlagerung steigt das Körpergewicht. Die eingelagerte Flüssigkeit wird während der Nacht im Liegen aus den Geweben resorbiert und es kommt zu häufigem nächtlichem Wasserlassen.

Wie wird die Herzinsuffizienz festgestellt?

Die Diagnose stellt der Kardiologie mit einer Ultraschalluntersuchung des Herzens (Echokardiographie). Daneben sind EKG und Laboruntersuchungen notwendig. Zur Klärung der Ursache werden in manchen Fällen auch weiterführende Spezialuntersuchungen wie Herzkatheter und Kernspintomographie eingesetzt.

Wie wird eine Herzinsuffizienz behandelt?

Die Behandlung der Herzinsuffizienz muss immer ganzheitlich erfolgen. Die einzelnen Pfeiler sind dabei:

Lebensstil-Veränderungen und allgemeine gesundheitsfördernde Maßnahmen, die der Patient selbst umsetzen kann Medikamentöse Therapie der Herzschwäche Maßnahmen zur Behandlung der Ursache der Herzschwäche (z.B. KHK und Bluthochdruck) Zusätzliche nicht-medikamentöse Therapie bei schwerer, fortgeschrittener Herzschwäche (Defibrillator, Herzinsuffizienz-Schrittmacher, Kunstherz, Herztransplantation)

Was können Sie selbst tun?

Herzinsuffizienz ist in den meisten Fällen eine chronische Erkrankung, mit der Sie auf Dauer leben und umgehen müssen.

Sie können durch einen gesunden Lebensstil und regelmäßige Kontrollen den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen.

Wichtig ist dabei insbesondere auch, dass Sie darauf achten, das Herz nicht zu überlasten und Flüssigkeitseinlagerung zu vermeiden.

Folgende Maßnahmen sind sinnvoll:

1. Einhaltung einer Trinkmengenbegrenzung
Häufig raten Ärzte Ihren Patienten dazu, viel zu trinken. Bei schwachem Herzen mit der Neigung zur Flüssigkeitseinlagerung kann das aber zur Überlastung führen. Insbesondere bei fortgeschrittener Herzinsuffizienz sollten Sie die Trinkmenge auf 1 bis 2 Liter täglich zu begrenzen. Wir besprechen mit Ihnen im Einzelfall, welche Flüssigkeitsmenge für Ihr Herz noch tolerabel ist.

2. Salzarme Ernährung
Salz bindet Flüssigkeit in den Blutgefäßen, dies führt zur Vermehrung des Blutvolumens und damit zur Belastung des Herzens. Sie sollten daher weniger als 5 g Salz (= ein Teelöffel) täglich zu sich nehmen. Salzen Sie Ihr Essen nicht nach, verwenden Sie statt dessen frische Kräuter und verzichten Sie lieber auf salzig Eingelegtes (z.B. Matjes), Knabbersachen (z.B. Chips, Erdnüsse), Gepökeltes und Geräuchertes sowie Fertigprodukte und -saucen.

3. Täglich wiegen
Sie sollten sich zur Kontrolle der Herzfunktion täglich wiegen und das Ergebnis in einem Gewichtsprotokoll notieren. Wenn Sie mehr als 1 kg binnen zwei Tagen oder 2 kg binnen einer Woche ohne ersichtlichen Grund zunehmen, deutet dies auf Flüssigkeitseinlagerung hin. Dann sollte der Arzt aufgesucht werden, um die Ursache zu erforschen und eventuell die Medikamente anzupassen. Achten Sie in diesem Zusammenhang auch auf Schwellungen von Unterschenkeln und Füßen.

4. Körperliche Bewegung
Körperliche Inaktivität ist in unserer heutigen Zeit einer der Hauptrisikofaktoren für die Entwicklung von vielen Krankheiten. Auch Patienten mit Herzinsuffizienz dürfen und sollen sich körperlich belasten, dies führt zur Verbesserung der Gesundheit. Empfohlen wird ein Umfang von 4 mal 30 Minuten in der Woche bei moderater Intensität. Aber auch weniger als das ist natürlich besser als nichts. Besprechen Sie mit uns, was Sie Ihrem Herzen im Einzelfall zumuten können.

5. Wenig Alkohol
Alkohol beschleunigt den Herzschlag, erhöht den Blutdruck und fordert das Herz mehr, als ihm gut tut. Frauen sollten es bei maximal einem kleinen Glas Wein oder Bier pro Tag belassen, Männer bei zwei.

6. Nicht rauchen
Rauchen führt zur Schädigung der Herzkranzgefäße (koronare Herzerkrankung), was eine der Hauptursachen für Herzinsuffizienz ist. Außerdem führt das Rauchen zu einer Verschlechterung der Sauerstoffaufnahme, was den ohnehin vorhandenen Sauerstoffmangel in den Zellen verschärft.

7. Regelmäßige Medikamenteneinnahme
Die vom Kardiologen verschriebenen Medikamente sollten täglich eingenommen werden. Sie beheben leider die Herzinsuffizienz nicht, ihre Wirkung hält nur einige Stunden an. Sobald sie abgesetzt werden, kann es zu einer Verschlechterung der Herzfunktion und zur Dekompensation (Flüssigkeitseinlagerung in Gewebe und Lunge) kommen. Wenn Sie Nebenwirkungen vermuten, setzen Sie die Behandlung nicht einfach ab, sondern reden Sie mit uns, damit wir eine Lösung finden.



Welche Medikamente gibt es und wie wirken sie?

Die Medikamente sollen helfen, einen tödlichen Ausgang der Erkrankung zu verhindern, die Schädigung des Herzmuskels aufzuhalten und ihn zu kräftigen.

Dadurch sollen Ihre Beschwerden möglichst so weit zurückgehen, dass Sie Ihr gewohntes Leben weiterführen können.

1. ACE-Hemmer / AT-Rezeptor-Blocker
(z.B. Ramipril, Enalapril, Candesartan, Valsartan)

ACE-Hemmer verhindern das Voranschreiten der Herzschwäche und lindern die auftretenden Beschwerden wie Luftnot und Leistungsminderung. Sie sind in jedem Stadium der Herzmuskelschwäche angezeigt. Auf das Voranschreiten der Herzschwäche wirken ACE-Hemmer zwar sofort, ihre volle Wirkkraft entfalten sie aber erst nach längerer Einnahme.

Eine kleinere Anfangsmenge sollte langsam gesteigert werden, bis die so genannte Zieldosis (die Menge, die am optimalsten wirkt, ohne Nebenwirkungen zu verursachen) erreicht ist.

ACE-Hemmer sind für Sie nicht geeignet, wenn Sie an einer Verengung der Blutgefäße der Niere oder an einer fortgeschrittenen Nierenschwäche leiden. Als Nebenwirkung können eine zu starke Senkung des Blutdrucks und trockener Husten auftreten. Wenn Sie sich also plötzlich schwach oder schwindelig fühlen oder ständig husten müssen, sollten Sie Ihren Arzt aufsuchen.

Als Alternative zu den ACE-Hemmern kommen bei Reizhusten die AT-Rezeptor-Blocker in Frage, die ansonsten das gleiche Profil an Wirkungen und Nebenwirkungen aufweisen.

2. Beta-Blocker
(z.B. Metoprololsuccinat, Bisoprolol, Carvedilol, Nebivolol)

Betablocker senken den Blutdruck und verringern die Geschwindigkeit des Herzschlags sowie den Sauerstoffbedarf des Herzens. Dadurch verhindern sie ein Voranschreiten der Herzschwäche. Langfristig führen sie auch zu einer Verminderung der Beschwerden.

Zu Beginn der Therapie können sich die Beschwerden aber vorübergehend verschlechtern. Daher wird mit einer sehr geringen Medikamentendosis begonnen, die über Wochen langsam gesteigert wird.
Als Nebenwirkungen können Verlangsamung des Herzschlags und zu niedriger Blutdruck auftreten. Betablocker können in allen Stadien der Herzinsuffizienz gegeben werden, allerdings sollten sich die Patienten nicht in einer Phase der akuten Verschlechterung befinden. Betablocker können auch zu einer Verengung der Bronchien führen, was bei Asthmapatienten einen Asthmaanfall begünstigt.

3. Diuretika
(z.B. Furosemid, Torasemid, HCT, Aldactone)

Die so genannten „Wassertabletten“ verstärken die Harnproduktion der Nieren. Dadurch gelingt es, die eingelagerten Flüssigkeitsmengen auszuschwemmen. Diuretika werden gegeben, wenn Beschwerden auftreten, die mit der Wassereinlagerung in Zusammenhang stehen. Mit der Flüssigkeit können während der Behandlung mit Diuretika auch Mineralstoffe des Blutes in großem Umfang ausgeschieden werden. Das Fehlen von bestimmten Mineralstoffen kann den Herzrhythmus negativ beeinflussen. Ihr Arzt kann dies kontrollieren. Dass Sie häufiger wasserlassen müssen, ist vielleicht unangenehm, zeigt aber, dass die Diuretika wirken und dass Ihr Herz entlastet wird.

4. Angiotensin-Rezeptor-Neprilysin-Inhibitoren
Dies ist eine neuartige Kombination von AT-Rezeptor-
Blockern mit einem zweiten Wirkstoff, der die positiven Wirkungen verstärkt. Der Einsatz dieses Medikaments ist vor allem bei fortgeschrittener Herzinsuffizienz sinnvoll. Allerdings ist dieses Präparat noch nicht sehr lange erprobt und muss sich im täglichen Einsatz erst noch bewähren.

5. If-Kanal-Inhibitoren
(Ivabradin)

Reduziert die Herzfrequenz und entlastet damit das Herz. Wird eingesetzt, wenn mit der Standardtherapie keine ausreichende Wirkung erzielt wird.

6. Digitalis
(Digoxin, Digitoxin)

Kräftigt den Herzschlag und reduziert die Herzfrequenz bei gleichzeitig bestehendem Vorhofflimmern. Wird aufgrund widersprüchlicher Ergebnisse in wissenschaftlichen Untersuchungen nur noch bei fortgeschrittener Herzschwäche eingesetzt, wenn die anderen Medikamente nicht ausreichen.

Welche Maßnahmen zur Behandlung der Ursachen gibt es?

Hauptursachen für eine Herzinsuffizienz sind in Deutschland die koronare Herzerkrankung und der Bluthochdruck. Bei der koronaren Herzerkrankung sind die Adern, die den Herzmuskel selbst mit Blut versorgen sollen, eingeengt oder gar verschlossen.

Um dies herauszufinden und zu behandeln muss man eine Herzkatheteruntersuchung durchführen, bei der die Adern mit Ballons und Stents geweitet werden können. Bei schweren Fällen kann auch eine Bypass-Operation erforderlich werden. Ein Bluthochdruck muss mit Medikamenten eingestellt werden, so dass er unter 140/90 mmHg liegt.

Eine seltenere, aber sehr wichtige Ursache für Herzinsuffizienz ist eine Erkrankung der Herzklappen. Wenn dies der Fall ist, muss die betroffene Herzklappe operiert oder mit einer Katheterintervention behandelt werden.

Wie kann man Patienten mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz noch helfen?

Generell muss der Arzt bei allen Patienten mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz prüfen, ob ein sogenannter Defibrillator (ICD) notwendig ist, der vor lebensgefährlichen Herzrhythmusstörungen schützt. Darüber hinaus kann, wenn mit der medikamentösen Therapie alleine keine Beschwerdefreiheit im Alltag zu erzielen ist, in manchen Fällen ein spezieller Herzschrittmacher implantiert werden, der die Herzfunktion verbessert (Resynchronisations-Aggregat oder auch CRT).

Bei Patienten mit sehr schwerer Herzinsuffizienz ist in seltenen Fällen ein Kunstherz oder eine Herztransplantation erforderlich.

Was ist sonst zu beachten?

Lassen Sie sich regelmäßig ärztlich untersuchen, damit die Pumpfunktion des Herzens, die Einstellung der Medikamente, die Wirkungen und die Nebenwirkungen überprüft werden können.

Zum Hausarzt sollten Sie mindestens einmal alle 6 Monate, zum Kardiologen mindestens einmal jährlich gehen.

Mit Herzinsuffizienz kann man gut leben, wenn man auf sein Herz achtet und Hilfe bekommt. Wir von der Cardiopraxis wollen Ihnen dabei mit Rat und Tat zur Seite stehen.

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