MED in Mainz

Hygiene heute und die Herausforderungen für die moderne Medizin

01.02.2017

Hygiene heute und die Herausforderungen für die moderne Medizin

von Dr. med. Georg-Christian Zinn

Wir hören und lesen von Infektionsausbrüchen auf Frühgeborenen-Intensivstationen, aber auch von Durchfallerkrankungen auf Kreuzfahrtschiffen und in Schulkantinen als Folge von Viren und Bakterien im dargereichten Essen. Wir erfahren, dass Legionellen als Erreger in Trinkwasser eine ganze Produktion von Bier einer Traditionsmarke lahm legen können oder zu einem Massen-Duschverbot für die Bewohner eines Mainzer Wohnblocks führen können. – Meldungen wie diese scheinen uns die Unzulänglichkeiten in Sachen Hygiene in immer bedrohlicherem Ausmaß geradezu mit dem Holzhammer beim morgendlichen Frühstück auf den Tisch zu donnern, bevor wir in ängstlicher Besorgnis und eingeschüchtert von einer unsichtbaren Gefahr das Vertrauen in unsere Hightech-Medizin verlieren wollen. – Alles Panikmache oder Realität?

Vielleicht helfen ein Exkurs zurück in die Geschichte der Hygiene und ein Blick auf die Herausforderungen der Medizin in unserer nahezu globalisierten Welt.

Ein Blick in die Geschichte

Krankheitserreger in Form von Viren und Bakterien gab es seit Menschen Gedenken. Sie gehören zu unserem Leben dazu, immerhin tragen wir täglich etwa 2 kg Bakterien mit uns herum. Ebenso führt uns die Geschichte immer wieder die frappierenden Ausmaße als Folge einer Infektion mit diesen vor Augen.

Seien es die Pestepidemien im Mittelalter, Cholera-Ausbrüche in London während der Industrialisierung, die hohe Sterblichkeit von Müttern vor, während und nach der Geburt in Wien, ebenfalls in der Mitte des 19. Jahrhunderts oder die Erkrankungen an Pocken, bei denen etwa 30% der Erkrankten verstarben. All diesen Beispielen gemeinsam ist, dass es immer Menschen gab, die große Anstrengungen unternommen haben, diesen Infektionen Einhalt zu gebieten; so z.B. ein Dr. John Snow, der mit der Aufzeichnung der Cholera-Fälle in London die moderne Epidemiologie begründete oder ein Dr. Ignaz Semmelweis, der mit der Einführung der Händedesinfektion, damals noch mit Chlorkalk, die Müttersterblichkeit von fast 20% auf 2% senken konnte. Ende des 19. Jahrhunderts gelang dann der Nachweis von Krankheitserregern durch Pasteur und Koch.

Aus diesen Erkenntnissen konnten durch Paul Ehrlich und andere die ersten Impfstoffe entwickelt werden. – Mit der Entdeckung und Einführung des Penicillins durch Alexander Fleming Ende der 1920er Jahre schien es, als habe man den Durchbruch in der Bekämpfung der Infektionskrankheiten erreicht.

Es wurde weiter geforscht und neue, immer besser wirksame Medikamente entwickelt, sodass es Ende der 1960er Jahre so aussah, als „könne das Buch der Infektionskrankheiten geschlossen werden“.

Situation heute

Heute wissen wir, dass diese Einschätzung leider nur ein Wunsch geblieben ist. Zwar werden immer neue Antibiotika entwickelt, die Infektionen durch Bakterien bekämpfen bzw. bekämpfen sollen, aber auch die Bakterien entwickeln sich immer schneller weiter und schaffen es durch sogenannte Resistenzmechanismen der Wirkung von Antibiotika zu entgehen. Das heißt, dass sie sich weiter vermehren können und dass unsere Antibiotika ihnen zum Teil nichts anhaben können. Die Folge sind sich weiter ausbreitende Infektionen. Was wie eine banale Lungenentzündung begann, kann sich so zur tödlichen Infektion ausbreiten und entwickeln.

Warum sich Bakterien so schnell weiter entwickeln und in der Lage sind, immer neue Resistenzen auszubilden, zeigt ein Blick auf die Antibiotikaverbräuche in Deutschland: In Deutschland werden etwa 5300 Tonnen Antibiotika/Jahr verbraucht, davon etwa 15%, also 800 Tonnen, im Bereich der Humanmedizin. Die restlichen 85%, also etwa 4500 Tonnen/Jahr werden im Bereich der Tierhaltung verwendet. Tendenz steigend… Bakterien reagieren also auf die von allen Seiten auf sie gerichteten Antibiotika-Therapien und passen sich an, so ihre Überlebensstrategie.

Eine weitere Zahl zeigt, dass unser Verhalten als Verbraucher und Patienten nicht ganz unschuldig an diesem Dilemma zu sein scheint: 85% aller in der Humanmedizin eingesetzten Antibiotika werden in der ambulanten Versorgung verordnet, nur 15% in den Krankenhäusern. Auch für banale virale Infekte erwarten wir als Patienten eine schnelle und unkomplizierte Abhilfe durch den Arzt unseres Vertrauens, oft durch die Verordnung eines Antibiotikums.

Geschieht dies nicht, sind wir zum Teil nicht zufrieden mit der Therapie und gehen nicht selten zu einem anderen ärztlichen Kollegen und suchen dort Rat.

Auswirkungen auf die medizinische Versorgung

In den Krankenhäusern zeigt sich dann schließlich das ganze Ausmaß dieser großflächigen Speisung von Mensch und Tier mit Antibiotika: Durch risikoadaptierte Eingangs-Screenings, also durch mikrobiologische Abstrichuntersuchungen bei Eintritt des Patienten in das Krankenhaus, abhängig vom Risikoprofil des Einzelnen, zeigen sich immer häufiger Patienten mit einem multiresistenten Keim. MRSA, MRGN, VRE, KPC, ESBL: Die Abkürzungen sind schier unendlich. Immer neue Gruppen von multiresistenten Erregern kommen hinzu, immer weniger sprechen sie auf die Therapien an, bis hin zu Erregern, die gegen jedes Antibiotikum immun zu sein scheinen. Betroffen sind oftmals die Schwächsten der Schwachen: Frühchen und Neugeborene sowie alte und kranke Menschen. – Um der Situation Herr werden, gibt es mittlerweile ganze Maßnahmenbündel, entwickelt von Ärzten, Forschern und dem Robert-Koch-Institut, als oberste Hygiene-Behörde in Deutschland.

Allen Maßnahmen voran stehend ist die Händedesinfektion zu nennen. Diese, bereits durch Ignaz Semmelweiß beschriebene Maßnahme, heute
freilich nicht mehr mit Chlorkalk, sondern mit modern zusammengesetzten Lösungen, die selbst schon einen Hautschutz für den Anwender beinhalten, hat nach wie vor die herausragendste Bedeutung in der Prävention von Infektionskrankheiten. Hinzu kommen oft Isolierungsmaßnahmen des Patienten.

Wie sich diese auf die Patienten auswirken, lässt sich nur erahnen. Nicht selten werden diese Patienten von ihren Mitmenschen gemieden, Therapien werden verschoben oder bleiben verwehrt, letztlich findet so eine Stigmatisierung des ohnehin schon durch den Keim verunsicherten Patienten statt. Dies nicht aus Böswilligkeit, aber aus Angst, aus Unwissenheit und aus Unverständnis.

Darüber hinaus stellen die Therapien und Maßnahmen, die durch eine Besiedlung oder Infektion mit einem multiresistenten Erreger entstehen, Krankenhäuser und Krankenkassen nicht zuletzt vor große monetäre und damit wirtschaftliche Herausforderungen.

Und damit schließt sich der Kreis zur eingangs gestellten Frage: Wir alle kennen die besagten Berichte und Artikel aus den Medien. Wir alle wissen, dass ein unkritischer Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht schädlich für die Tiere und uns selbst ist. Wir alle vermuten, dass das verordnete Antibiotikum bei einer Erkältung nicht zwingend sein müsste. – Als Patienten wünschen wir uns alle ein gutes Vertrauensverhältnis zu unserem behandelnden Arzt und dem Krankenhaus unseres Vertrauens. Wir wünschen uns eine bestmögliche Behandlung, die nach besten hygienischen Grundsätzen zu erfolgen hat.

Krankenhaus- und praxishygienische Maßnahmen

Sicher ist, dass Krankenhäuser und Arztpraxen mit ihren unterschiedlichen Professionen und Akteuren verstanden haben, dass eine gute Hygiene heute untrennbar von einer guten Qualität in der medizinischen Versorgung anzusehen ist. Gute Hygiene ist heute Bestandteil der medizinischen Behandlung, sowohl im ambulanten wie auch im stationären Bereich. Dies wird deutlich an der zunehmenden Zahl von Qualitätssicherungsmaßnahmen und Fort- und Weiterbildungen im Bereich der Krankenhaushygiene inklusive Schulungen im Bereich des Antibiotikamanagements, sowie an der personellen Ausstattung eines Krankenhauses mit Krankenhaushygienikern, Hygienefachkräften, Hygienebeauftragten unter Pflegenden und Ärzten. Zertifikate werden erworben, um z.B. im Bereich der Händehygiene deutliche Verbesserungen herbeizuführen und zu belegen. Auch im niedergelassenen Bereich lassen sich immer mehr Medizinische Versorgungszentren, Tageskliniken und Arztpraxen durch Krankenhaushygieniker betreuen.

Ähnlich wie im Krankenhaus finden hier regelmäßige Begehungen statt, um aus praxishygienischer Sicht Prozeduren, Abläufe und Strukturen weiter im Sinne einer für den Patienten sicheren und guten Hygiene zu verbessern. Hygienebeauftragte werden benannt, regelmäßige Schulungen im Bereich der Praxishygiene finden statt und Veranstaltungen dieser Art sind selbst an den Wochenenden nahezu ausgebucht. Im Bereich des Qualitätsmanagements werden Hygienepläne als Teil des Qualitätsmanagements etabliert, vor Umbaumaßnahmen oder Neubauten von Arztpraxen finden praxishygienische Beratungen statt und Baugutachten mit Bezug auf hygienische Anforderungen werden erstellt und von den Gesundheitsämtern eingefordert. – Im Gegensatz zur Vorgehensweise noch vor 20 Jahren unternehmen Krankenhäuser und Arztpraxen heute spürbar sehr viel mehr Anstrengungen, um einen guten Hygienestandard zu gewährleisten und ihre Patienten davon zu überzeugen.

Es zeigt sich aber auch, dass nur konzertiert im Zusammenspiel aller, also mit den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft, mit den Krankenkassen, mit den Einrichtungen des Gesundheitswesens und mit den Patienten und Angehörigen zusammen eine gute und nachhaltige Hygiene in der Versorgung von Patienten möglich sein wird.


Gute Hygiene geht uns alle an, meistern wir gemeinsam diese Herausforderung!